Dienstag, 16. Juni 2009, 23:43 Uhr

Im Gebirge

Wie von Furien gehetzt jagte der Sturm über das Hochgebirge. Bäume ächzten und schrieen, wenn Böen sie fast bis zum Boden niederdrückten. Wolken wirbelten wie zerfetzte Segel eines Piratenschiffes über den nächtlichen Himmel.
Der Wanderer, der sich seit Stunden in einer engen Schlucht bergauf kämpfte, hatte sein Maultier fest am Zügel gepackt und zerrte das verängstigte Tier hinter sich her auf seinem Weg, den er vor seinen Füßen nicht einmal erahnen konnte.
'Was hat mich nur getrieben, in dieser Einöde herumzukraxeln?' fragte er sich bei jedem zehnten Schritt, obwohl er die Antwort schon gewusst hatte, bevor er überhaupt losgezogen war.
Ein weißer Rabe hatte sich auf seiner Schwelle niedergelassen, als er beim letzten Neumond vor seiner Hütte stand und den ziehenden Wolken nachsah. Am linken Fuß trug der Vogel einen silbernen Ring und daran befestigt ein winziges Röllchen Pergament. Darauf stand in altertümlichen Schriftzeichen nur ein einziger Satz: „Es ist an der Zeit!“
Der Alte hatte die Nachricht gelesen und das Pergament ins Feuer geworfen, wo es in einer grünen Flamme verging. Dann hatte er eilig das Nötigste in ein Bündel geschnürt, das Maultier gesattelt und sich noch in der selben Nacht auf den Weg ins Gebirge gemacht.
Das war nun beinahe vier Wochen her. Drei davon war der Wanderer über Land gezogen, bis er die ersten Ausläufer des Gebirges erreicht hatte. Dann hatte er einen Tag damit verbracht, nach Zeichen zu suchen, die ihm im Labyrinth zerklüfteter Felsen, dichter Wälder, und unzähliger Täler und Schluchten den rechten Weg weisen würden. Gefunden hatte er freilich nichts, so dass er sich schon auf gut Glück in die Wildnis hatte wagen wollen, als er am Abendhimmel plötzlich eine Wolke entdeckte, die die Form eines Raben zu haben schien. Sie schwebte direkt über einem Tannendickicht, das schier undurchdringlich wirkte. Als der Alte jedoch an dessen Rand entlang wanderte, entdeckte er ein paar geknickte Zweige, die ihm kaum aufgefallen wären, hätte er nicht so intensiv danach Ausschau gehalten. Bei genauerem Betrachten, stellte er fest, dass hinter diesen Zweigen ein schmaler Pfad in den Tannenwald hinein führte. Den schlug er ein, nachdem er den Zugang so gut es ging wieder mit Zweigen verschlossen hatte, um ihn möglichst unkenntlich zu machen. Seitdem kämpfte er sich durch die Wildnis bergan, gönnte sich kaum eine Rast und hielt meist nur an, wenn das Maultier sich störrisch weigerte, den Marsch fortzusetzen. Doch bisher hatte er sein Ziel nicht erreicht und wusste nicht einmal genau, wo er es finden würde. Er ahnte nur, dass es bald soweit sein würde, denn in der kommenden Nacht würde wieder Neumond herrschen und eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, dass er dann ankommen würde, wo auch immer.
Plötzlich blieb das Maultier stehen, stemmte sich mit den Hufen gegen den glitschigen Grund und ließ sich keine Hand breit mehr weiterzerren. Unruhig warf es den Kopf hin und her. Der Wanderer streichelte es beruhigend und lauschte, doch im Heulen des Sturms konnte er keine anderen Geräusche ausmachen. Irgend etwas hatte das Maultier erschreckt, aber was? Der Wanderer schob die Kapuze seines Umhangs aus der Stirn und späte in die Dunkelheit, doch die Nacht war zu finster, um überhaupt etwas zu entdecken. Als er sich gerade wieder dem Maultier zuwandte, um es durch gutes Zureden zum Weitergehen zu bewegen, nahm er doch etwas wahr. Eine Bö hatte den Hauch eines Geruchs herbeigeweht, der nicht in diesen Wald gehörte, nicht in diese Einöde. Rauch. Ganz schwach nur, aber doch, es roch nach Rauch. Der Wanderer hielt die Nase in den Sturm, schnüffelte und wandte sich dann von seinem Weg ab in die Richtung, aus welcher der Wind wehte. Das Maultier, das noch immer unruhig mit den Ohren wackelte, zog er hinter sich her. Steil stieg der Wanderer den felsigen Hang links des Pfades hinauf. Äste knackten unter seinen Füßen und lockere Steine lösten sich und polterten hinter ihm den Abhang hinunter. Doch die Geräusche wurden vom Sturm verschluckt, so dass der Wanderer sich nicht vorsehen musste. Als er den Hang erklommen hatte, ragte eine Felswand steil vor ihm auf. An ihr entlang zog sich ein Pfad, der so schmal war, dass der Mann gerade darauf gehen konnte. Das Maultier stand mit zwei Beinen schräg am Hang und rutschte bei jedem zweiten Schritt ab. Der Rauchgeruch war hier stärker. Vorsichtig folgte der Mann dem Pfand, der jäh an einem Felsvorsprung endete. Der Wanderer klammerte sich an den Stein, reckte sich vor und lugte um den Fels herum. Dort sah er unter einem Überhang eine geräumige Höhle, in der ein helles Feuer prasselte. Zu beiden Seiten des Feuers entdeckte er zwei Gestalten, die arglos am Boden lagen und offenbar schliefen, während eine dritte Person Zweige auf das Feuer legte.
Das Maultier fest am Zügel umrundete der Wanderer den Felsvorsprung. Wieder lösten sich Steine unter seinen Füßen und polterten den Hang hinunter, doch die Drei am Feuer bemerkten nichts. Erst als der Neuankömmling mit lauter Stimme rief: „He da, guten Abend!“ fuhr einer der beiden Schläfer von seinem Lager auf und der Wächter sprang auf die Füße.
„Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“ fragte er.
„Ein Wanderer in der Einöde. Und wer möchte das wissen?“
Inzwischen hatte sich der dritte Mann von seinem Lager erhoben und gab Antwort: „Man nennt mich Fraser. Ich hatte einen weiten Weg bis hierher und hab diese beiden unterwegs getroffen.“
„Fraser. Soso”, murmelte der Wanderer und nickte. Dann zog er die Kapuze vom Kopf und sein eisgraues Haar wallte über seine Schultern.
„Nun, Fraser“, sagte er nachdenklich, „man sollte meinen, Ihr wäret vorsichtiger. Niemand kann schließlich wissen, ob er wirklich unsterblich ist. Nicht wahr?“
„Ihr kennt mich?“
„Kennen wäre zuviel gesagt. Aber ich habe schon von Euch gehört. Gewährt Ihr mir Eure Gastfreundschaft?“ Ohne eine Antwort abzuwarten ließ er sich auf dem Boden nieder und begann zwischen dem Höhleneingang und dem Feuer Steine zu einem Wall aufzuschichten, so dass der Schein nicht mehr nach draußen dringen konnte.
„Vermutlich“, sagte er nach einer Weile, in der weder Fraser, noch seine Gefährten ein Wort von sich gegeben hatten, „habt auch Ihr bereits von mir gehört. Mein Name ist Mirrorius.“
„Der Hüter der Spiegel!“ wisperte der kleine Kerl, der bei Mirrorius’ Ankunft zuerst aufgewacht war.
Mirrorius nickte und sein Haar spiegelte den rötlichen Schein des Feuers wider und hatte dabei die gleiche Färbung wie der dicke Zopf, der über Fasers Rücken bis zu dessen Gürtel hinunter reichte.


Ihr lieben MitschreiberInnen,
Ich bin sehr gespannt, wie sich die Geschichte weiter entwickeln wird. Und genauso neugierig bin ich auf mich selbst und darauf, ob und wie ich in der Lage sein werde, eure Ideen umzusetzen. Ein Phänomen bei meiner Schreiberei ist nämlich, dass sich die Geschichten während des Tippens ständig verändern. Schon auf diesem kleinen Stück Weges durch das Gebirge ist mir das passiert. In meiner Vorstellung traf Mirrorius nämlich nur zwei Gestalten am Feuer, aber als er dann endlich dort ankam, waren es drei.

Wir sind Mirrorius begegnet, der offensichtlich recht prominent ist, denn sein Name löst eine Art Ehrfurcht aus, zumindest bei einem der Typen am Feuer. Außerdem scheint er zwar nicht allwissend zu sein, denn sonst wüsste er ja auch, wo sein Ziel genau liegt. Aber immerhin kennt er eine Menge Volk, so auch Fraser, von dem wir inzwischen wissen, dass er als unsterblich gilt.
Fraser ist der Name eines der weniger bedeutenden Schottischen Clans. Ich habe ihn bewusst nicht MacCloud genannt, um uns mehr Spielraum zu lassen. Man kann ja nie wissen.

Aber wer und was sind die anderen beiden Figuren?
Was wollen sie in der Wildnis?
Haben sie eine ähnliche Botschaft erhalten, wie Mirrorius?
Und von wem kam die überhaupt?

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