Vom Schöllkraut

Skeptisch schaute er die Frau an und ließ dann seinen Blick durch ihren Garten schweifen. Verwildert war er und voller Unkraut, das die Alte zu kultivieren schien, wie normale Menschen Rosen oder Nelken. Die Stimme der Frau holte ihn aus seinen Gedanken:
"Hock dich hier her. Schließe deine Augen. Und... VERTRAU mir!"
Der Skeptiker gehorchte, nicht, ohne ein schräges Lächeln, das so viel besagen sollte wie:
'Ich vertrau dir schon, aber was glaubst du, soll das werden?'
Dennoch schloss er die Augen.
Sie ging zu einer Pflanze, schaute sie einen Moment eindringlich an, und obwohl sie ihre Lippen nicht bewegte, sprach sie in Gedanken eine Entschuldigung an die Pflanze. Hätte man ihr Worte hören können, hätte das ungefähr so geklungen:
'Ich muss es tun. Es ist deine Bestimmung zu helfen. Und es wird wieder einen Menschen mehr überzeugen, dass du kein Unkraut bist, weil es UNkräuter gar nicht gibt.'
Dann bückte sie sich kurz, rupfte einen der etwas dickeren Pflanzenstengel ab und hielt ihn mit der Riss-Stelle nach oben, damit die Milch, die sofort heraus quoll, nicht zu früh herunter tropfte.
Flink wandte sie sich dem Mann zu, der mit geschlossenen Augen und noch immer skeptischem Lächeln auf den Lippen auf ihrem wackligen Gartenstuhl hockte. Sie griff nach seiner Hand mit der Warze und bestrich sie sanft mit der Milch aus dem Stengel. Dann bückte sie sich zu seinem Fuß und bestricht auch das Hühnerauge sorgsam mit der Milch, drückte und knickte den Stengel, um genug Milch zu haben.
"Augen auf!" rief sie dann.
Er schlug die Augen auf und sah, wie sich die gelbe Milch aus dem Stengel auf seiner Haut eklig braun und dann schwarz verfärbte.
"Was ist das?" wollte er wissen.
"Das ist der Saft dieses UNkrauts", sagte sie, wobei sie das Wort so betonte, dass klar war, dass die Pflanze für sie eben kein Unkraut war.
"Das sieht ja scheußlich aus", grummelte er.
"Das", sagte sie mit einem feinen Lächeln, "wirst du wohl ertragen müssen. Abwaschen lässt es sich nicht."
"Nicht?" Er war entsetzt. "Wie lange soll das denn drauf bleiben?"
"Bis es verschwindet", sagte sie unbestimmt. Dann ließ sie ihn einfach stehen bzw. sitzen, lief davon, hinein in die Tiefen ihres Gartens und kümmerte sich nicht mehr um die Menschen, nur noch um ihre Pflanzen.
Er schüttelte den Kopf über die wunderliche Alte, erhob sich vom Stuhl, klaubte seine Jacke und die Aktentasche auf, die er neben sich ins Gras hatte fallen lassen. Nur gut, dass er mit dem Auto gekommen war. Was sollten denn die Leute denken, wenn sie ihn mit diesem schwarzen Fleck auf der Hand sahen? Auch gut, dass Freitag war. Bis er am Montag ins Büro musste, würde das Zeug hoffentlich verblasst sein. Und was würde seine Frau sagen, wenn er ihr das zeigte? Ekeln würde sie sich.
Daheim angekommen, überraschte ihn die Reaktion seiner Frau. Als sie seine Hand sah, lächelte sie und sagte: "Du warst also dort! Hast du das Hühnerauge auch gleich behandeln lassen?"
Ach, na eben. Das Hühnerauge! Daran hatte er den ganzen Heimweg lang nicht gedacht, obwohl es ihn sonst durch einen feinen Schmerz ständig an seine Gegenwart erinnert hatte.
"Du?" sagte er etwas zögerlich und konnte selbst kaum glauben, dass er aussprechen würde, was er gerade gedacht hatte: "Es tut gar nicht mehr weh. Kann es sein...?"
Er ließ die Frage unvollendet. Seine Frau lachte. "Natürlich KANN das sein. Was meinst du denn, warum ich dich dort hin geschickt habe?"
Vor dem Abendessen versuchte er im Bad, die schwarze Schmiere von seiner Hand zu waschen. Aber es funktonierte nicht, und als er sich die Stelle näher betrachtete, stellte er fest, dass es nicht einfach nur ein aufgetragener schwarzer Fleck war, sondern dass die kleine Warze selbst sich durch und durch schwarz verfärbt hatte. Er beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken und sich abzulenken. Da Männer im allgemeinen in solchen Sachen recht gut sind, gelang es auch ihm hervorragend, und als er am Montag ins Büro kam, hatte er die ganze Sache schon längst vergessen.
Ein paar seiner Kollegen sprachen ihn an: "Du hast das was Schwarzes!"
"Ein neues Mittel gegen Warzen!"
"War es teuer?" wollte einer der Kollegen wissen.
"Nö!"
"Dann könnte es sogar helfen. Je teurer diese neuen Mittelchen nämlich sind, um so weniger helfen sie!"
Und damit war das Thema endgültig vom Tisch.

Ein paar Tage später, es war wieder einmal Freitag Abend, stand der Mann vor dem Spiegel und band sich den Schlips. Er wollte mit seiner Frau ins Theater und danach mit Freunden noch in eine kleine Bar.
Seine Frau schmiegte sich kurz an ihn.
"Es wäre schön", säuselte sie, "wenn du heute mal wieder deinen Ehering tragen würdest."
"Du weißt genau, dass ich den nicht aufsetzen kann", erwiderte er schroffer, als beabsichtigt. "Die blöde Warze!"
"Welche Warze denn?" fragte sie und lächelte hintergründig.
Er hielt ihr seine Hand entgegen und war selbst erstaunt, dass er es noch nicht bemerkt hatte. Der schwarze Fleck war weg und mit ihm die Warze.
"Das gibts doch gar nicht", murmelte er. Dann stellte er seinen Fuß auf den Wannenrand und zog die Socke aus. Da, wo das Hühnerauge gewesen war, das ihn wochenlang gedrückt und genervt hatte, sah man noch einen kleinen dunklen Fleck, so als wäre das Hühnerauge in sich zusammengeschrumpelt.
"Tut das noch weh?" fragte seine Frau vorsichtig.
"Überhaupt nicht!"
"Tja dann..."

Auf dem Weg zum Theater sagte der Mann nachdenklich: "Weißt du, dieses UNkraut", und seine Betonung sagte deutlich, dass er es so nicht meinte, "das könnten wir doch vielleicht im Garten...?"
"Das brauchst du nicht", lachte sie. "Das wächst in jeder Mauerritze. Am Rand des Spielplatzes zwischen den Rasenkanten, am Supermarkt neben dem Fahrradständer. Einfach überall."
Und richtig. Als sie nach der Vorstellung Hand in Hand zu der kleinen Bar hinüber schlenderten, entdeckte er am Rand der Freitreppe des Theaters, ganz in der Ecke an der Mauer eine kleine Pflanze, deren Blüte strahlend gelb durch die Nacht leuchtete, als wollte sie ihn grüßen.

 
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