Wie alles begann

Vor langer Zeit wuchs inmitten eines riesigen Waldes ein uralter Baum. Der stand schon dort, als die übrigen Bäume des Waldes noch winzige Schösslinge waren. Und weil er so viel älter war, als alle Bäume ringsum, überragte er diese um ein gutes Stück. So kam es, dass der Wirbelwind, der über das Land fegte, sich in seiner Krone verfing.
"Gib mich wieder frei", jammerte der Wind. "Ich muss weiter wehen."
"Du hast es gut", antwortete der Baum. "Du kommst in aller Welt herum und erlebst so mancherlei. Ich aber bin hier fest verwurzelt und kann nicht fort. Erzähl mir eine Geschichte, dann darfst du gehen."
Und so geschah es. Der Wirbelwind erzählte eine Begebenheit, die er unterwegs aufgeschnappt hatte, und der Baum ließ ihn wieder frei. Als der Wind einige Zeit später aus einer anderen Richtung wehte und wieder an dem Baum vorüber kam, verfing er sich abermals in dessen Krone, verschnaufte ein Weilchen und erzählte dem Baum eine neue Geschichte.
Die beiden wurden dicke Freunde. Wann immer der Wind auf seinen Reisen bei dem Baum vorüber kam, verweilte er ein wenig. Er blieb immer gerade so lange, wie er brauchte, um eine neue Geschichte zu erzählen. Dann jagte er weiter um die Welt.
So ging es Jahr ein, Jahr aus. Als aber die Menschen kamen und den Wald rodeten, um eine neue Stadt zu errichten, wurde auch der alte Baum gefällt. Sein Holz gelangte zu einem Schreiner, der gerade den Auftrag erhalten hatte, für den Rat der neuen Stadt zwölf Stühle zu fertigen. Hohe Lehnen sollten sie haben und reich verzierte Armstützen. Als der Schreiner begann, das Holz dafür auszusuchen, fiel ihm auch das des alten Baumes in die Hände. Weil aber darin all die Geschichten erhalten geblieben waren, die der Wirbelwind im Laufe vieler Jahre erzählt hatte, wies das Holz eine ganz besonders schöne und ungewöhnliche Maserung auf.
"Soll sich auf diesem wundervollen Holze einer der Ratsherren seinen fetten Hintern breit drücken?" fragte sich der Schreiner. "Nein, dafür ist es viel zu schade! Daraus muss etwas Besonderes werden." Mit diesem Gedanken legte er das Holz beiseite, und während er an den Stühlen für den Rat arbeitete, grübelte er, was er aus dem feinen Holz wohl fertigen könnte. Bis zum Abend hatte er eine Idee. Ein Spinnrad wollte er bauen. Das sollte eine Zier werden. Die ganze Woche, während seine Hände an den Stühlen arbeiteten, waren seine Gedanken mit dem Spinnrad beschäftigt, und am Sonntag nach dem Mittagessen, schloss er sich in seiner Werkstatt ein und bearbeitete das feine Holz.
Da der Schreiner immer nur am Sonntag Nachmittag an seinem Spinnrad arbeiten konnte, dauerte es einige Wochen, bis er alle Teile gefertigt hatte und das Rad zusammenbauen konnte. Eines Tages im Spätherbst war es soweit. Das Rad war fertig. Da stand es nun in der Werkstatt. Die kupferfarbenen Strahlen der Abendsonne fielen schräg durch das Fenster und ließen die besondere Holzmaserung unter der eben erst getrockneten Lasur lebendig wirken, wie die Falten im Gesicht eines weisen Menschen.
‚Schön ist es geworden', dachte der Schreiner bei sich. ‚Richtig schön.'
Das empfand auch der Wirt vom "Schwarzen Ross", der am Montag Morgen in die Werkstatt kam, um einen Tisch und zwei neue Bänke für seine Schänke zu bestellen. Die alten waren am Samstag Abend zu Bruch gegangen, als das junge Volk beim Erntedankfest den Begriff "Polka über Tisch und Bänke" allzu wörtlich genommen hatte.
"Was für ein schönes Stück!" meinte der Wirt anerkennend. "Das könnte meine Schankstube zieren und ein paar Weiber anlocken, die bei Tee und Gebäck ihre Handarbeiten machen. Was soll es denn kosten?"
"Es ist unverkäuflich", entgegnete der Schreiner.
"Unverkäuflich? Du hast es wohl nicht mehr nötig? Dann willst du mir wohl auch weder Tisch noch Bänke fertigen?" Der Wirt war verärgert.
Ebenso erging es am nächsten Tag einem reichen Kaufmann, der eine Truhe in Auftrag geben wollte und das Spinnrad gern für seine einzige Tochter als Geschenk zu ihrem 11. Geburtstag mitgenommen hätte.
‚Das kann so nicht weiter gehen', überlegte der Schreiner. ‚Ich verprelle mir ja meine gesamte Kundschaft.' Hergeben wollte er das Spinnrad aber auch nicht, denn es war gar zu schön. Auch hatte er immer, wenn das Licht auf der seltsamen Maserung spielte, das Gefühl, etwas Lebendiges vor sich zu haben. Es war gerade so, als wollte das Rad ihm etwas mitteilen. Zwar verstand er die Botschaft nicht, doch ein Verkauf kam unter keinen Umständen in Frage.
Um nun aber nicht noch mehr Kunden zu verärgern, die das Rad unbedingt haben wollten, sobald sie es sahen, trug der Schreiner es von der Werkstatt ins Haus und stellte es in der guten Stube auf. Jeden Abend, nachdem er sein Tagwerk verrichtet hatte, saß er ein wenig in der Stube, betrachtete wohlgefällig das Spinnrad und hatte seine Freude daran. Nach einigen Tagen aber, es mochten zwei Wochen ins Land gegangen sein oder auch drei, häuften sich die Aufträge in der Schreinerwerkstatt derart, dass der Meister kaum noch nach kam mit der Arbeit und des Abends so müde ins Haus kam, dass er gleich zu Bett ging und sich keine Zeit mehr nahm, nach seinem Spinnrad zu schauen. Das stand fortan unbeachtet in einer Ecke, und mit der Zeit legte sich eine Staubschicht auf das Holz und verdeckte die wundersame Maserung.
Je näher Weihnachten heran kam, um so mehr hatte der Schreiner zu tun, denn nun baute er außer den üblichen Möbeln auch noch jede Menge Spielsachen. Puppenhäuser entstanden unter seinen geschickten Händen und Kaufmannsläden, Holzeisenbahnen und Bollerwagen, ja sogar ganze Bauernhöfe mit Kühen und Pferden. Vom frühen Morgen an bis tief in die Nacht brachte der Schreiner in seiner Werkstatt zu. Manchmal schlief er sogar auf dem Hocker neben der Drechselbank ein, so matt war er von der vielen Arbeit. Das Spinnrad aber war vergessen.
Am Abend des vierten Advent endlich konnte der Schreiner aufatmen. Alle Aufträge waren erledigt. Die letzten Spielsachen standen bunt lackiert auf der Werkbank zum Trocknen und sollten am nächsten Morgen abgeholt werden. Die Werkstatt war aufgeräumt und ausgefegt und der Schreiner war mit seinem Werk der letzten Wochen sehr zufrieden. Heute Abend wollte er sich ausruhen, endlich wieder einmal in der guten Stube am Feuer sitzen und Körper und Seele mit einem Becher heißen gewürzten Weines laben.
Als er über den Hof zum Haus ging, fiel Schnee in dicken Flocken. Um die Giebel pfiff ein eisiger Wind und wirbelte die weiße Pracht dem Schreiner ins Gesicht. Der zog den Kopf zwischen die Schultern und beeilte sich, ins Haus zu kommen. Als er in der guten Stube das Feuer schürte, fuhr der Wind in den Schornstein, drückte den Rauch aus dem Kamin in die Stube und wirbelte die Asche auf, wie zuvor auf dem Hof die Schneeflocken. Der Schreiner musste husten und die Asche brannte ihm in den Augen. Er riss das Fenster auf, um zu lüften, da erfasste eine Bö den hölzernen Laden und schmetterte ihn mit solcher Wucht gegen die Hauswand, dass der Schreiner schon glaubte, er würde zerschellen. Kaum war es ihm gelungen, den Laden wieder festzuzurren und das Fenster zu schließen, da rüttelte der Wind, der sich inzwischen zu einem heftigen Schneesturm ausgewachsen hatte, an der Haustür, als begehre er Einlass, und als der Schreiner zur Tür lief, um sich zu vergewissern, dass sie fest verschlossen war, heulte der Sturm gespenstisch und klapperte mit den Dachziegeln. Der Schreiner hatte alle Hände voll zu tun, im Hause alle Fensterläden zu sichern und die Türen zum Hof und zum Dachboden fest zu verriegeln, denn da oben pfiff der Wind, als gäbe es gar kein Dach, das ihn aufhielte.
Endlich hatte er alles befestigt, so gut es ging und ließ sich in der Stube in den alten Schaukelstuhl plumpsen, der einst sein Gesellenstück gewesen war. Da drang ein Geräusch durch das Heulen des Sturmes. Es kam von der Haustür, und zuerst dachte der Schreiner, es wäre wieder der Wind, der daran rüttelte. Dann aber hörte es sich an, als hämmere jemand mit den Fäusten gegen die Tür und dann rief eine Frauenstimme: "Hallo, ist jemand daheim?"
Erstaunt schüttelte der Schreiner den Kopf.
‚Das kann doch gar nicht sein', dachte er. ‚Wer treibt sich denn um diese Zeit und bei diesem Wetter noch draußen herum? Und noch dazu eine Frau. Die muss doch nicht bei Troste sein.' Indes ließ das Klopfen nicht nach. So erhob sich der Schreiner schwerfällig wieder aus seinem Sessel, tappte zur Haustür, schob den schweren Riegel zurück und öffnete die Tür gerade so weit, dass er hinaus lugen konnte. Da stand mitten im Schneegestöber ein Weib, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Vom Kopf bis fast zu den Füßen war sie in ein riesiges wollenes Umschlagtuch gehüllt und über der Schulter trug sie einen Quersack.
"Was, um aller Welt, tust du hier draußen in diesem Sturm?", wollte der Schreiner wissen.
"Ich ziehe mit meinem Wagen von Ort zu Ort und von Haus zu Haus und biete wollene Socken feil. Auch Schals und Tücher könnt Ihr haben, Herr. Oder Fäustlinge. Alles aus feinster Schafwolle."
Der Schreiner wollte sie gerade abweisen, da erhob sich der Sturm zu einem Brausen, als habe er alle Kraft nur für diesen einen Moment aufgespart, wirbelte den Schnee auf, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte, riss dem Schreiner die schwere Haustür aus der Hand, so dass sie sperrangelweit aufschlug und fuhr in den Hausflur, wo er eine knietiefe Schneewehe auf dem blanken Boden hinterließ. Dem Schreiner schien es fast, als hätte der Sturm ihm ein Zeichen geben wollen und so grummelte er: "Ich brauche zwar keine Socken und ein Umschlagtuch schon gar nicht. Aber komm nur herein, Weib und wärm dich auf. Mach schnell, damit wir die Haustür wieder zu bringen, sonst erfrieren wir gar beide noch in diesem Unwetter."
"Aufwärmen würde ich mich wohl, doch kann ich meinen Wagen und mein Eselchen nicht im Stich lassen", entgegnete die Frau.
Da erst entdeckte der Schreiner den kleinen Planwagen, der wohl schon die ganze Zeit über am Rinnstein gestanden hatte.
"So will ich dir das Hoftor öffnen. Da drinnen steht der Wagen geschützt und der Esel soll einen Arm voll Heu bekommen." Mit diesen Worten schob der Schreiner die Haustür zu. Es dauerte eine Weile, bis er die Haustür ver- und die Tür zum Hof wieder entriegelt hatte. Dann aber erschien er am Tor und ließ die Händlerin mit ihrem kleinen Fuhrwerk ein. Nachdem er dem Esel in einem kleinen Verschlag neben der Werkstatt einen Arm voll Heu hingeworfen hatte, führte er die Fremde in die gute Stube. Kaum hatte die Frau den Raum betreten, da hörte das Feuer im Kamin auf zu rußen. Die Flammen tanzten hell und verbreiteten Wärme und Licht. In diesem Licht entdeckte die Frau das Spinnrad in der Ecke.
"Ei, was habt Ihr denn da für ein Schmuckstück", rief sie, denn dass es sehr fein gearbeitet war, konnte man trotz der Staub- und Rußschicht erkennen, die das Holz überzogen hatte. "Ihr solltet es pfleglicher behandeln." Bei diesen Worten wischte sie mit dem Finger den Schmutz vom Holz und das Schwungrad machte eine halbe Umdrehung. Noch ehe der Schreiner eine Antwort geben konnte, hatte sie das Spinnrad schon an den Kamin gerückt und auf dem Bänkchen Platz genommen, das dort stand. Aus ihrem Quersack zog sie eine Handvoll Wolle und ohne den verdutzten Schreiner noch eines Blickes zu würdigen, begann sie zu spinnen.
Kaum hatte sich jedoch das Rad zu drehen begonnen, vernahm sie einen feinen Gesang...

Ich bin aus gutem altem Holz.
Darauf ist mein Erbauer stolz.
Und auch die holde Spinnerin
freut sich an mir, das ist der Sinn.
Und sitzt sie nach des Tages Hast
am Rad und hält ein wenig Rast,
dann dreh ich mich mit leisem Singen,
das Vlies zu feinem Garn zu spinnen
und denk der Zeit, die längst versank,
als mein Holz noch rank und schlank
als Baum sich in den Himmel hob,
der Wirbelwind darüber stob.
Der sang aus aller Welt Geschichten.
Von denen will ich nun berichten.
Drum höre, holde Spinnerin,
was ich, wenn ich mich dreh, Dir sing.
Vom Feen- und vom Zwergenvolk,
von schweren Truhen voller Gold,
von Geistern und von Spukgestalten,
von Recken, die Drachen im Zaume halten,
von Hans und Grete und der Hex,
von der Blume, die tief im Zauberwald wächst,
von Zaubern und Wundern und einem Traum,
der heranwuchs im Holz an meinem Baum.
Du sollst hören meine Märchen und Sagen
und sie wieder in die Welt hinaus tragen.

"Was war das?", flüsterte der Schreiner, als die Fremde das Rad wieder angehalten hatte.
"Hast du es nicht gehört?", entgegnete sie ebenso leise. "Dein Spinnrad hat mir einen Auftrag gegeben."
"Aber wie soll das gehen? Wie willst du Geschichten in der Welt verbreiten?"
Die Spinnerin aber wusste Rat: "Ich ziehe von Ort zu Ort, von Markt zu Markt. Ich komme viel herum und wo immer ich bin, kann ich von deinem Spinnrad erzählen."
Nachdenklich kratzte sich der Schreiner den Kopf, dann rang er sich zu einem Entschluss durch: "Da hast du wohl recht, aber es ist ja nur eine ganz kleine Geschichte, die du über den heutigen Abend erzählen kannst. Das Rad weiß sicher noch mehr zu berichten. Verkäuflich ist es nicht. Aber ich kann es dir schenken. Nimm es mit auf deine Wanderung. Zeig es den Menschen in Nah und Fern und erzähle noch viele schöne Geschichten."
Obgleich sich die Spinnerin vor Freude kaum zu lassen wusste, zögerte sie. "Das kann ich nicht annehmen. Das Geschenk ist viel zu wertvoll."
"Du kannst es nicht nur annehmen", entgegnete der Schreiner, "du musst es sogar tun. Wertvoll ist das Rad nur bei dir, weil du es singen hörst. Bei mir steht es in der Ecke und verstaubt. Da hat es keinen Wert. Also nimm es mit. Es ist bald Weihnachten und du machst mir eine Freude damit, wenn du es annimmst."
"Dann will ich es jetzt auf mein Wägelchen laden. Hilfst du mir?"
Der Schreiner war überrascht: "Es ist schon spät. Du kannst hier übernachten. In der Kammer neben der Küche steht ein Bett. Dort wirst du gewiss gut schlafen. Bei diesem Schneesturm schickt man doch keinen Menschen vor die Tür, schon gar keine Frau allein."
Die Fremde lächelte weise. "Bei welchem Sturm?"
Und richtig, als der Schreiner jetzt lauschte, konnte er kein Heulen des Windes mehr vernehmen. Das Rütteln an Türen und Fensterläden war verstummt und auch das Klappern der Dachziegel. Und als er auf die Straße hinaus schaute, lag die ganze Gegend friedlich im Sternenlicht, überzuckert von einer dünnen Schicht glitzernden Schnees.
"Der Sturm hat sich gelegt. Mein Eselchen ist ausgeruht. Ich will heute Nacht noch ein gutes Stück Weges hinter mich bringen. Da gibt es noch ein paar Ortschaften, in denen die Leute auf warme Socken warten oder auf dicke Wolle für Schals und Mützen."
Wenn sie denn unbedingt in der Nacht noch fort wollte, so mochte der Schreiner sie nicht aufhalten. Er half ihr, das Spinnrad zu verladen, gab ihr noch ein Säckchen Hafer für ihr Eselchen und ein kleines Fässchen gewürzten Wein mit auf den Weg und begleitete ihr kleines Fuhrwerk aus dem Hof hinaus.
Sie dankte ihm noch einmal herzlich und schenkte ihm zum Abschied einen wollenen Schal und ein paar Fäustlinge. Dann sprang sie auf den Wagen, ruckte am Zügel und das Eselchen setzte sich in Bewegung.
In diesem Moment fiel dem Schreiner ein, dass er nicht einmal wusste, wer sie war. "Wie heißt du überhaupt?" rief er ihr nach.
Im Davonfahren drehte sie sich noch einmal um, und über das Rattern der Wagenräder hinweg rief sie ihm zu: "Man nennt mich Mira Wunder!"


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